Franz von Assisi:

Assisi im
12./13. Jahrhundert


 
Der Herr verlieh mir, Bruder Franz, den Anfang
des neuen Weges auf folgende Weise:
Als ich in Sünden lebte, kam es mir sehr
bitter an, Aussätzige zu sehen. Aber der Herr
selbst führte mich unter sie, und ich erwies
ihnen Barmherzigkeit. Als ich von ihnen ging,
ward mir dasjenige, was mir vorher bitter
vorgekommen war, in Süßigkeit für den Geschmack
des Leibes und der Seele verwandelt.
Nachher zögerte ich noch ein wenig,
dann verließ ich die Welt...
(Testament)

 

Franziskus und seine Familie

Basilica San FrancescoIm Herzen Umbriens gelegen ist Assisi eine kleine und doch faszinierende Stadt mit einer bewegten und für die christliche Weltkirche mit Auswirkungen verbundene Geschichte. Sie liegt auf halber Höhe des 1300 m hohen Berges "Monte Subasio". In dieser Lage beherrscht die Stadt die davorliegende Ebene des Spoletotals und zeigt herrliche Ausblicke. Umgeben von fruchtbarem Land in der Ebene, dichtem Wald auf halber Berghöhe und Wiesen auf den Bergspitzen gibt es dem Besucher einen wunderbaren Anblick. Terassenförmig angelegt und in Stein gehauen, erscheint die Stadt unter der Sonne des umbrischen Himmels wie ein Vision des Friedens, eine Synthese zwischen den Wundern der Erde und dem Genie des Menschen. Die kleinen Gassen, verwinkelten Straßen und Häuser laden uns ein: wenn es ruhig wird, wenn die Stadt nicht vom endlosen Tourismus beherrscht ist, werden wir versetzt in eine Zeit, in der es keine Autos, keine Fabriken und keine moderne Welt gab... 

Im dritten Jahrhundert n. Chr. findet der christliche Glaube durch Bischof Rufino in Assisi Einlaß. Nach dem Fall des römischen Imperiums erfährt die Stadt Belagerungen und Zerstörungen. Zwischen 1000 und 1300 n. Chr. erhält sie das Gesicht, das sie noch heute im Stadtzentrum beibehalten hat und verlebt eine wunderbare Epoche kommunaler Freiheit. Assisi war wegen seiner geographischen Lage am Hang des Monte Subasio im Mittelalter von großer strategischer Bedeutung. So kontrollierte die Stadt die Straßen von Foligno nach Perugia und nach Spoleto. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bildete es sogar den Vorposten und nördlichen Keil des kaiserlichen Herzogtums Spoleto gegen Perugia. Die heutige Hauptstadt Umbriens stand mit einem Großteil dieser Region unter dem Einfluß und Schutz der römischen Kirche. Ein Beleg für die große Bedeutung Assisis ist eine Urkunde Friedrich Barbarossas vom 21. November 1169, worin die Stadt für ihre Verdienste ein besonders weitgehendes Selbstbestimmungsrecht übertragen wurde. Dieses erlaubte ihr eine Entwicklung frei von jeglicher Einmischung höherer Mächte, sogar von Seiten des Herzogs selbst. 

Papst Innozenz III. war 1198 n. Chr. einer Reihe ehrwürdiger Greise auf den Thron gefolgt und war entschlossen, eine Politik der "Wiedergewinnung" zu betreiben, die der Kirche endlich jene Gebiete verschaffen sollte, die so viele feierliche Dokumente des Kaisers ihr versprochen hatten. Nie wieder hatte die Kirche einen mächtigeren Papst als diesen. Der Vorstoß des Papstes scheiterte trotz seiner geschickten Taktik unter anderem gerade an Assisi. Dort hatte man zwar den deutschen Herzog, er war Vertreter des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen, nicht geliebt, doch wollte man keineswegs unter päpstliche Herrschaft geraten und damit - das wäre die fatale Folge gewesen - unter die Herrschaft von Perugia, der großen und entschlossenen Erzrivalin Assisis. 

Das Fehlen jeglicher Autorität, sei sie kaiserlich oder päpstlich, ermöglichte auch den Ausbruch innerer Konflikte zwischen dem Adel dieser Region und den sogenannten Minores, den Minderen. So nannten sich in Assisi all jene, die nicht adeliger Herkunft waren, während sie andernorts die allgemeinere Bezeichnung "Volk" annahmen. Die Zeit der sogenannten "Hohen Minne" und Trobadeure wurde gekennzeichnet von einer wilden Kluft zwischen Adel, also den Ritter, Burgherren etc. und Minores. Der bislang alles regierende Reichtum des Kleinadels begann im 12./13. Jahrhundert zu schrumpfen; aufgrund einer zuvor nicht bekannten und schnell steigenden Inflationsrate wurde das grundsätzlich gleichmäßige Einkommen der Feudalherren, das aus Steuern und Abgaben der Minores bestand, im Vergleich zur wachsenden Geldmenge fast wertlos. Abgaben waren festgesetzt, derartige Geldwertveränderungen wurden nicht berücksichtigt und konnten ohne Gefahr eines Aufstandes der Minores nicht erhöht werden. Im Gegensatz zu dieser Verarmung des Kleinadels erhielten die Kaufleute, die ihre Ware gleichmäßig mit steigender Inflation durch angepaßte Preise anbieten konnten, stets mehr Reichtum und Einfluß.
 

Der Grundbesitz war in den Händen der Feudalherren und großer kirchliche Körperschaften, wie der Benediktiner des Monte Subasio. Sie waren unter anderem Eigentümer des Gebietes, auf dem noch heute das Kirchlein "Santa Maria della Porziuncola" steht. Unter den Minores gab es Markthändler, Schmiede und Notare. Letztere waren sehr wichtig, weil sie Geschäfte aller Art vertraglich festhielten und beglaubigten. Wie schon oben angedeutet standen auf dem Gipfel des wirtschaftlichen Lebens aber die Kaufleute. Diese reiche Gesellschaftsklasse mit ihren mannigfaltigen Tätigkeiten, d.h. Einfuhr und Verkauf teurer ausländischer, insbesondere französischer Stoffe, sie wurden nicht nur wegen ihrer Arbeit hochgeschätzt, dem Kaufmann verdankte die Stadt auch eine neue Mentalität, die Vorstufe des späteren Kapitalismus: vorrangig wurde Geld angehäuft, dieses dann möglichst schnell gewinnbringend zum Kauf neuer Waren eingesetzt. Nebenbei erhielt dieser Stand durch den steigenden Reichtum die Möglichkeit, über Güter und Genüsse des Kleinadels verfügen zu können. 

Vor diesem vielschichtigen Hintergrund finden wir die zu den Minores zählenden Armen. In dieser Zeit hatte sich in den Städten - und Assisi bildete hier keineswegs eine Ausnahme - eine ganz neue Form von Armut ausgeprägt, die mit der Armut in den ländlichen Gebieten des Hochmittelalters nicht verglichen werden kann.
Der AussätzigeArme auf dem Land waren sicherlich der Geißel der Hungersnöte hilflos ausgeliefert, wenn nicht Klöster und andere kirchliche Einrichtungen mit kluger Voraussicht auf derartiger Notfälle aus Nächstenliebe ihnen zur Hilfe kamen. Abgesehen von solchen Notsituationen fanden die Armen auf dem Land aber immer etwas, womit sie ihren Hunger stillen konnten. Oft bildete sich in einer allgemeinen Notlage eine Solidarität heraus. Nicht so in den Städten, hier gab es keine solidarischen Gemeinschaften. Weitere Ursache für das Elend in den Städten: Mangel an Arbeit, Ausbeutung durch die Arbeitgeber oder Mißverhältnisse zwischen dem Verdienst und den Lebenshaltungskosten. Hier gab es keine sichere, rettende oder befreiende Abhilfe, denn es fehlte zu oft an karitativen Einrichtungen. 

Noch aussichtloser wurde es in den Städten für diejenigen, die nicht nur arm, sondern auch krank waren. Aufgrund schlechten hygienischen Voraussetzungen und fehlender Medikamente ergaben sich häufiger Krankheiten als heute. Vorhandene Hospitäler konnten dem nichts entgegensetzen; sie waren mehr auf die Bedürfnisse Reisender und Pilger ausgerichtet, als auf die Pflege kranker Mitmenschen. In der schlimmsten Situation aber waren die "Verbannten". - Hierbei handelte es sich nicht um politisch Verfolgte oder um Bürger, die von der politischen oder kirchlichen Macht verurteilt wurden und irgendwo Unterschlupf suchten. Es waren Menschen, die aufgrund äußersten Elends, Ausschweifungen oder scheußlicher Krankheiten wie die Aussätzigen rechtlich und faktisch von der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden.


 
 
 
 
 
 

Franziskus und seine Familie

In dieser Zeit, in der es dem Adel und den Wohlhabenden der Minores gut ging, in der aber Assisi und seine armen Menschen immer wieder von Kriegen und Notlagen gebeutelt wurden, in der das Christentum mit einer unerbittlichen Härte gegen das Morgenland in den Kreuzzügen um Jerusalem kämpfte, kam im Jahre 1181 oder 1182 Franziskus Bernadone, genannt Franz von Assisi, in der Familie des Kaufmannes Pietro Bernadone auf die Welt. Pica und Pietro BernardoneEr gehörte zu einer der reichsten und angesehensten Familien der Stadt, die zur höchsten Schicht des Kaufmannstandes zählte. Franziskus war nicht sein ursprünglicher Name; sein Vater, er befaßte sich mit dem Handel von kostbaren französischen Stoffen, hielt sich während Franziskus' Geburt geschäftlich in Frankreich auf. Pica Bernadone, die Mutter des Heiligen, gab ihrem Sohn nach der Geburt den Namen Giovanni (Johannes). Als Pietro Bernadone von seiner Reise zurückkehrte, gab er sich mit diesem Namen nicht einverstanden und ließ seinen Sohn im Dom "San Rufino" auf den Namen Franziskus taufen. Der Name stand für "französisch" und wurde wahrscheinlich gewählt, um die guten Geschäfte jener Reisen zu feiern, die der Familie übergroßen Reichtum einbrachte, oder um im Namen des Sohnes eine weitere, auf die Zukunft orientierte, glückliche Handelstätigkeit festzuhalten. Franziskus steht für Reichtum, Geld und Macht; Giovanni wiederum stellt genau das Gegensätzliche dar: die Armut, das Göttliche. Beide Namen sollten jedoch für Franziskus' Leben eine wichtige Bedeutung erhalten. 

Franziskus hatte mehrere Geschwister, über seine Kindheit ist nicht viel übermittelt, außer dass er eine Schule besuchte und es ihm an nichts fehlte. Er verlebte in Assisi eine gesunde und vor allem verschwenderische Jugendzeit. Über seine Bildung ist zu sagen, dass er lesen und schreiben konnte, das ist jedoch nicht mit einer heutigen Ausbildung in diesen Grundfächern zu vergleichen. Auch hatte er Bibel und Lateinkenntnisse. Zum ersten ist zu sagen, dass er sich diese wohl durch seine aufmerksame und intensive Teilnahme am liturgischen Leben nach seiner Bekehrung angeeignet hatte; seine Lateinkenntnisse wiederum sprechen für das Erziehungsverhalten seines Vaters, denn sein Sohn sollte später einmal die Geschäfte übernehmen. Für einen Kaufmann war es allemal mehr als dienlich, die lateinische Sprache zumindest im Ansatz zu beherrschen, denn Verträge und Geschäftsbeurkundungen wurden üblicherweise lateinisch verfaßt. Im Vergleich zu einem ausgebildeten Kleriker waren diese Kenntnisse jedoch mehr als bescheiden und es reichte wohl kaum aus, die kirchlichen Schriften studieren und exakt verstehen zu können, praktische Kenntnisse besaß er desweiteren in französisch. Zum einen kam seine Mutter aus Frankreich, zum anderen hörte er viel im Zusammenhang mit der Geschäftswelt seines Vaters. Sein ganzes Leben lang besaß er eine große Vorliebe für diese Sprache. 

Neben dieser Vorliebe liebte er vor allem großartige Feste und die Möglichkeit, das Geld seines Franziskus ElternhausVaters verschwenderisch auszugeben. Im Kopf des Heiligen befanden sich im Alter von 16 oder 17 Jahren die damals üblichen Geschichten von König Artus und Ritter Roland, mit Minnedienst und Heldentum. Und weitaus konkreter, das Feindschaftsgefühl gegen die Leute, Befürworter und Freunde von Perugia, die Rivalin Assisis. Mit dem Geld um sich werfend, durch die Straßen ziehend, zeigte er der Stadt, dass seine Familie reich war. Seine Verschwendungslust hörte aber auch bei den Armen und Ärmsten der Stadt nicht auf, hier und dort gab er einem Bettler ein Geldstück in die Hand. Geld war vorhanden und es mußte ausgegeben werden. Eines war Franziskus jedoch wichtiger als Geld: Ruhm und Ehre, Adel und Rittertum. Sein größtes Ziel in den Jahren vor seiner Bekehrung war die Aufnahme in den Adelsstand der Ritter. Mit diesen ritterlichen Ambitionen zog er im Alter von ca. 20 Jahren im Jahre 1202 n. Chr. in eine Schlacht gegen Perugia. Diese brachte Tote, Verletzte und eine Vielzahl von Gefangenen hervor, aber keinen Sieger. Zur damaligen Zeit wurden von den Kriegsgegnern bevorzugt Soldaten gefangengenommen, da diese oft ein späteres Lösegeld einbrachten. Einer dieser Gefangenen war Franziskus. Zusammen mit einigen Adeligen wurde er in einen Kerker eingesperrt und, obwohl zwischen dem Adel und dem reichen Kaufmannsstand eine gegenseitige tiefe Abneigung bestand, keineswegs diskriminiert. Im Gegenteil, durch seine auch in Gefangenschaft anhaltende Fröhlichkeit, seinen Lebensmut hat er andere ermutigen können. Zwar hat er seinen Traum vom Ruhm weiterhin geträumt, aber auch Frieden unter allen Gefangenen geschaffen und sich herzlich einem der Gefangenen zugewandt, der die anderen beleidigt hatte und deshalb von ihnen geschnitten und völliger Einsamkeit überlassen wurde. Franziskus jedoch erkrankte in Gefangenschaft, letztendlich wurde er nach einem Jahr Kerker freigelassen und kehrte 1203/ 1204 nach Assisi zurück. Es liegt nahe, dass Pietro Bernadone seinen Sohn durch ein hohes Lösegeld freikaufen konnte. Dass man ihn aus Mitleid hinsichtlich seiner Krankheit entließ ist eher fraglich und dürfte wohl verneint werden. 

Zurück in Assisi erholte sich Franziskus schnell, kehrte zu seinem gewohnten Leben zurück und sah einige Zeit später, noch immer mit den gleichen Ruhmesabsichten, in einem Adeligen namens Graf Gentile eine außergewöhnliche Chance, in den Adelsstand aufgenommen zu werden. Dieser suchte einen Begleiter, um sich zu einer weiteren Schlacht gegen Apulien zu begeben. Nachdem Franziskus sich eine kostspielige und ausgesuchte neue Rüstung zugelegt hatte, schenkte er diese einem anderen Ritter, der ebenfalls den Grafen begleiten wollte, jedoch kein Geld für eine eigene Rüstung besaß. Franz fand ohne Mühe sofort eine neue Kriegsausstattung. Als Folge dieses Ereignisses hatte er in der darauffolgenden Nacht einen schönen Traum: Von jemanden beim Namen gerufen, wurde der junge Mann in einen prächtigen Palast einer schönen Braut geführt. Dieser war voll von glänzenden Schilden und anderen Waffen. Und auf seine erstaunte Frage, wer der Herr des Palastes und all seiner Schätze sei, hörte er die Antwort, er selbst sei es. (2 Cel 6). 
Dieses war ein erstes Anzeichen von dem, was er noch nicht begreifen konnte und seinem Wunsch nach Adel und Ehre zuordnete. Auf dem Weg nach Apulien kam es bei Spoleto/Umbrien zu einem weiteren, sehr wichtigen Ereignis: Eine Stimme redete ihn in einem Gesicht an und forschte, wohin er gehen wolle. Als er ihm sein Vorhaben erzählt hatte, fragte dieser ihn mit besorgter Stimme, wer ihm Besseres geben könne, der Knecht oder der Herr. Franziskus antwortete: "Der Herr!", worauf jener zur Antwort gab: "Warum also suchst du den Knecht statt des Herrn?" (2 Cel 6)
 

Franziskus brach seine Reise ab und kehrte krank nach Assisi zurück. Nach einer Zeit der Genesung führte er sein "höfisches" Leben fort und wurde nach einem festlichen Empfang zum König des Festes gekrönt, um anschließend die Rechnung des Abends zu bezahlen. Anschließend ging es mit Gesang und Hallo durch die Stadt; er aber ging schweigend, wie ein Herr, der seinem Hofstaat folgt. Seine Kameraden fragten ihn, ob er an eine Braut denke. Die Antwort war nicht weniger scherzhaft als die Frage: "Recht habt ihr, denn ich habe daran gedacht, mir eine Braut zu nehmen, die adeliger, reicher und schöner ist, als ihr je eine gesehen habt. (3 Gef 7) Jeder machte sich lustig über ihn und alle hatten hierbei ihre große Freude, doch Franziskus wurde in der Folgezeit immer unruhiger, war voller Unsicherheit, inneren Schwankungen und einer bis dorthin nicht gekannten Ratlosigkeit ausgesetzt. In dieser Zeit begab er sich nach Rom, tauschte dort mit einem Bettler seine Kleider und bat um Almosen. Zurück in Assisi, mit dem Willen, nicht noch verstärkt ungewöhnlich aufzufallen, galt seine Aufmerksamkeit immer mehr den Armen und Aussätzigen der Stadt. 

Er aber wurde vom Herrn gestärkt und freute sich über die heil- und gnadenbringende Antwort, die ihm zuteil wurde. "Franziskus", sprach Gott zu ihm im Geiste, "tausche für das, was du fleischlich und eitel geliebt hast, Geistiges ein. Nimm Bitteres für Süßes. Verachte dich selbst, willst du mich erkennen. Dafür wirst du Geschmack haben an dem, was ich dir sage, wenn auch die Ordnung gegen früher umgekehrt ist." Sofort fühlte er sich gedrängt, den göttlichen Befehlen zu gehorchen und war begierig, sie auszuführen. (2 Cel 9)