Franz von Assisi:
Wo ist Christus?

Franziskus -
Auf der Suche nach Gott


 
 


Eines Tages begegnete er während eines Ausrittes einem Aussätzigen. Franziskus hatte einen unendlichen Abscheu vor diesen "Verbannten" und schon aus der Ferne empfand er bei diesem üblen Geruch Ekel. Als er nun den Aussätzigen sah, tat er sich wahrhaft Gewalt an, stieg von seinem Pferd, küßte dem Aussätzigen die Hand und gab ihm ein Geldstück. Dieser erwiderte diese Geste mit dem Friedenskuß. Einige Tage später ritt er zur Behausung der Aussätzigen, nahm eine große Geldsumme mit, küßte jedem einzelnen auf den Mund und bot ihnen finanzielle Hilfe an. Keine Bitterkeit war mehr vorhanden, dieses hat sich gewandelt in Süßes. Hier hat er mit absoluter Klarheit seine eigene Wahl getroffen. In Assisi wurde er in der folgenden Zeit immer häufiger und heftiger von seinen Freunden angezweifelt und nicht mehr für ernstgenommen. In diesem Zustand seelischer Unruhe kam es dann zu einer mystischen Erfahrung.
Franziskus kam zufällig an dem halb zerfallenen Kirchlein San Damiano vorbei. Die Kirche hatte zwar noch einen Priester, aber es waren keine Mittel vorhanden, die Kirche zu renovieren, desweiteren wurde sie auch nicht mehr von Gläubigen besucht. Franziskus trat ein, kniete nieder und versank in einem Gebet vor dem Kreuz, das über dem Altar hing. Es handelt sich hierbei um das bekannte romanische, auf Leinwand gemalte und auf Holz gespannte Kruxifix umbrischer Schule mit betont syrischem Einschlag. Und der Gekreuzigte sprach zu ihm: "Franziskus, siehst du nicht, daß mein Haus in Verfall gerät. Gehe also und stelle es mir wieder her!" (3 Gef 13). Dieser verstand dieses wörtlich, gab dem ansässigen Priester Geld für das ewige Licht und versprach nötigenfalls mehr zu geben. Nun hat er seinen Weg gefunden, den Gekreuzigten in seinem Herzen spürend wollte er arm sein. Der Schmerz, den Christus am Kreuz ertragen hatte erleuchtet und rechtfertigt, erklärt alle Schmerzen des Menschen. Noch wertvoller war dieses Kreuz für diejenigen, die nicht unter ihm lebten, aber litten, an Elend, Schmerzen und Einsamkeit.
 

Er verkaufte nunmehr auf dem Markt der nahegelegenen Stadt Foligno sein Pferd und Waren seines Vaters, um für die Kirchenrenovierung noch mehr Geld zu beschaffen. Jeder sah mittlerweile, daß er seine Arbeit als angehender Kaufmann eingestellt hatte und sein Vater fühlte sich äußerst verletzt über das Verhalten und die Vorgehensweise seines Sohnes. Vater Bernadone machte sich sofort auf den Weg und holte Franziskus nach Hause. Dort versuchte er ihn mit guten Worten zur Umkehr zu bewegen, sperrte ihn, als er feststellte, daß er seinen einegschlagenen Weg nicht ändern wollte, jedoch erbarmunglos ein. Erst durch die Mutter gelang ihm während der Abwesenheit seines Vaters, der in einer dringenden Familienangelegenheit außer Haus war, die Flucht und er kehrte zurück nach San Damiano. Als der Vater zurück nach Assisi kam, zornig über die Vorgehensweise seiner Frau, ließ er seinen Sohn suchen, doch dieser versteckte sich fast einen Monat lang in einem vorbereiteten Versteck. Für Pietro Bernadone war es die letzte Chance, sich den Willen seines Sohnes gefügig zu machen und ließ ihn vor Gericht zitieren, um zumindest das Geld zu erhalten, das sein Sohn von ihm besaß und damit dieser auf sein ganzes Vermögen verzichte. Das weltliche Gericht sah sich aufgrund Franziskus religiöser Absichten jedoch nicht zuständig und verwies den Vater an Bischof Guido von Assisi. Franz setzte die Renovierung des kleinen Kirchleins fort und erhielt einige Zeit später die Vorladung bei Bischof Guido. 

So erschien er denn vor dem Bischof und wurde von diesem mit großer Freude empfangen. Der Bischof sprach zu ihm: "Dein Vater ist aufs äusserste wider dich aufgebracht und gar erzürnt. Willst du also Gott dienen, so gib ihm das Geld, das du hast, heraus! Vielleicht gehört es ohnehin zu unrecht Erworbenem, und so wäre es nicht nach Gottes Wohlgefallen, wolltest du es um der Sünden deines Vaters willen zum Bau der Kirche verwenden. Und hat er einmal das Geld zurückerhalten, so wird sich sein Zorn besänftigen. Also Mut, mein Sohn, vertraue auf Gott, handle männlich und fürchte dich nicht: Gott wird dir helfen und dir reichlich zukommen lassen, was zum Bau der Kirche nötig ist."
Da erhob sich der Mann Gottes in freudiger Bewegung, und vom Wort des Bischofs ermuntert, brachte er das Geld herbei und sprach: "Herr, nicht nur das Geld, das ihm gehört, will ich ihm freudigen Herzens wiedergeben, sondern auch seine Kleider." Rasch begab er sich in ein Gemach des Bischofs, und nachdem er sich aller Kleider entledigt hatte, kam er nackt zurück, legte Kleider und Geld vor dem Bischof und vor seinem Vater in Gegenwart aller andern nieder und sprach: "Hört, ihr alle, und versteht es wohl: Bis jetzt nannte ich Pietro Bernadone meinen Vater; aber da ich nun den Vorsatz habe, dem Herrn zu dienen, gebe ich ihm das Geld zurück, um das er sich erregt hat, nebst allen Kleidern, die ich aus seinem Eigentum besitze - und von nun an will ich sagen: 'Vater unser, der Du bist im Himmel', nicht mehr: 'Vater Pietro Bernadone'." (3 Gef) 

Nunmehr war der Bruch mit seinem Vater, der Bruch mit seinem ehemaligen Leben, mit der Welt, vor Augen des Bischofs und der versammelten Stadtbevölkerung öffentlich besiegelt, er verließ die Stadt und begab sich wieder nach San Damiano.
 
 

Der Herr verlieh mir einen solchen Glauben,
daß ich in den Kirchen in aller Einfalt betete:
"Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus,
hier und in allen Deinen Kirchen
in der ganzen Welt, und wir danken Dir,
weil Du durch Dein heiliges Kreuz
die Welt erlöst hast."
(Testament)





Bekleidet mit einem Einsiedlergewand, das er sich mit einem Ledergürtel um seine Hüfte festschnürte, mit Schuhen und ausgestattet mit einem Stock, dieses war für damalige Eremiten durchaus üblich, zog er in der nächsten Zeit oft durch Assisis Gassen und bettelte dort von Haus zu Haus um Essen und Geld, letzteres um die Renovierungsarbeiten zügig fortführen zu können. Nachdem zwei Jahre später, im Jahre 1208, die Arbeiten abgeschlossen waren, baute er im Anschluß daran zwei weitere Kirchen wieder auf. Bei der ersten handelte es sich um das kleine Gotteshaus San Pietro della Spina, ca. 3 km südöstlich von Assisi entfernt, jedoch heute nicht mehr vorhanden. Die andere Kirche sollte zum geistlichen Mittelpunkt der späteren Gemeinschaft werden, heißt Portiunkula und ist heute noch vorhanden.
Franziskus hatte, wie schon erwähnt, die Worte des Gekreuzigten in San Damiano sehr wörtlich genommen. Sein eigentliches Lebensprogramm sollte er jedoch kurze Zeit später, entweder am 24. Februar oder am 18. Oktober 1208, in der Portiunkula erhalten...
 

Eines Tages aber wurde in eben dieser Kirche das Evangelium, wie der Herr seine Jünger zum Predigen aussandte, verlesen, und der Heilige Gottes war zugegen. Wie er die Worte des Evangeliums vernommen hatte, bat er gleich nach Beendigung der Meßfeier inständig den Priester, ihm das Evangelium auszulegen. - Dieser erklärte ihm alles der Reihe nach. Als heilige Franziskus hörte, daß die Jünger Christi nicht Gold oder Silber noch Geld besitzen, noch Beutel, noch Reisetasche, noch Brot, noch einen Stab auf den Weg mitnehmen, noch Schuhe, noch zwei Röcke tragen dürfen, sondern nur das Reich Gottes und Buße predigen sollen, frohlockte er sogleich im Geiste Gottes und sprach: "Das ist's, was ich will, das ist's, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun." Deshalb machte sich der heilige Vater, von Freude überströmend, eilig an die Ausführung des heilsamen Wortes und duldete keine Verzögerung mehr, mit ganzer Hingabe die Verwirklichung dessen zu beginnen, was er eben gehört. Allsogleich löste er die Schuhe von den Füßen, legte den Stab aus der Hand und, zufrieden mit einem einzigen Habit, vertauschte er den Ledergürtel mit einem Strick. Darauf richtet er sich den Habit in Form des Kreuzes zurecht, damit er in ihm alle teuflischen Trugbilder abwehre; er macht ihn aus rauestem Stoff, um in ihm das Fleisch mit seinen Lastern und Sünden zu kreuzigen; er macht ihn schließlich recht armselig und schmucklos, daß er der Welt in keiner Hinsicht begehrenswert erscheinen könne. Das übrige aber, was er gehört, begehrte er mit größter Sorgfalt und mit höchster Ehrfurcht zu tun. Er war ja kein tauber Hörer des Evangeliums, sondern behielt alles, was er hörte, in seinem rühmenswerten Gedächtnis und mühte sich, es auf den Buchstaben sorgfältig zu erfüllen. (1 Cel 22)
 
 

In den letzten Jahren auf der Suche nach Christus und seinem eigenen Lebensweg, war Franziskus stets bewußt, kein Priester werden zu wollen. Er hatte aber Respekt vor der kirchlichen Amtshierarchie, vor jedem einzelnen Priester und unterschied sich gerade hierdurch von anderen Bewegungen wie den Waldensern oder Katharern, die bald nach ihrem Auftreten, aufgrund ihrer unheilbaren Kritik an den Klerus von diesem wegen häretischer Behauptungen angezeigt wurden.

Der Herr verlieh mir auch bis heute
einen solchen Glauben im Hinblick auf die Priester,
die nach der Form der heiligen römischen Kirche leben,
und zwar um ihrer Weihe willen, daß ich mich an sie halten will,
selbst wenn sie mich verfolgen würden.
Und hätte ich so viel Weisheit wie Salomon
und fände ärmliche Weltpriester in den Pfarreien,
wo sie sich aufhalten, ich wollte nicht gegen ihren Willen predigen.
Sie und alle anderen will ich fürchten, lieben und ehren wie meine Herren.
Ich will nicht auf Sünde bei ihnen achten,
weil ich den Sohn Gottes in ihnen erkenne
und weil sie meine Herren sind.
Das tue ich, weil ich hier auf der Welt
mit leiblichsten Sinne nichts von dem Sohne
des allerhöchsten Gottes sehe als seinen heiligsten Leib
und sein heiligstes Blut, das sie, die Priester,
empfangen und allein den anderen spenden.
Diese heiligen Geheimnisse will ich über alles geehrt,
verehrt und an würdigen Orten aufbewahrt wissen.
Wo ich seine heiligste Namen und Worte der Schrift
an ungeziemenden Orten finde, will ich sie auflesen,
und ich bitte, man möge sie ebenso behandeln und
an einem passenden Orte bewahren.
Alle Theologen, und die an uns den Dienst
des heiligen Wortes Gottes versehen,
sollen wir ehren und hochachten;
denn sie spenden uns den Geist und das Leben.
(Testament)






Er wußte aber auch, daß der Stand des Priestertums, des Klerus und der Ordensleute ein Leben mit gesicherter Zukunft bedeutete. Es war nicht das Leben in der Nachfolge Christi, sondern ein höchst angesehener Stand in der Gesellschaft mit vielen Vorzügen. Diesen Vorzügen, dieser gesicherten Zukunft hatte er entsagen wollen, nicht um einen zuweil höheren Stand beizutreten. Er hat desweiteren niemals Kritik über die Lebenshaltung und Lebensweise, über den "hohen Komfort" der Weltkirche geäußert. Ein Mann am Rande der Gesellschaft, ein Armer unter Armen, ein Aussätziger unter Aussätzigen, als der sich Franz verstand, konnte und durfte niemanden kritisieren. 

Zwar wollte der Heilige, daß seine Söhne mit allen Menschen Frieden halten und sich allen gegenüber als die ganz Kleinen erweisen sollten. Doch belehrte er sie durch sein Wort und zeigte ihnen durch sein Beispiel, daß sie dem Klerus besonders unterwürfig seien. Er sagte nämlich: "Zur Unterstützung des Klerus sind wir gesandt für das Heil der Seelen, damit das, was ihm fehlt, von uns ersetzt werde. Jeder wird seinen Lohn empfangen nicht nach dem Ansehen, das er besaß, sondern nach dem Maße seiner Arbeit. Wisset, Brüder, daß die Rettung der Seelen Gott überaus wohlgefällig ist und daß man dieselbe besser durch Frieden erreichen kann als durch Zwietracht mit dem Klerus. Wenn er selbst das Heil des Volkes verhindert, dann bedenket: Gott steht die Rache zu, und er wird ihnen vergelten zu seiner Zeit. Seid daher der kirchlichen Obrigkeit untertan, damit nicht, soviel an euch liegt, Eifersucht aufkomme. Wenn ihr Söhne des Friedens seid, werdet ihr Klerus und Volk für den Herrn gewinnen, was der Herr für wohlgefälliger erachtet, als wenn ihr nur das Volk gewinnt, den Klerus jedoch ärgert. Bedecket daher ihre Fehler, ersetzt ihre vielfältigen Mängel, und habt ihr dies getan, so seid erst recht demütig"! (2 Cel 146)