Nicht mehr allein...
Die Bruderschaft Nur ein einfacher Bruder Weihnachten in Greccio Das Zeichen Christi

Franz von Assisi:

Die Bruderschaft


Nicht mehr allein - Die Minderbrüder

Franziskus und Rom

Klara von Assisi
 


 
 

Nicht mehr allein - Die Minderbrüder
 

In den zwei Jahren bei San Damiano, zwischen der Lossagung vom Vater und dem Beginn des Predigens wurde Franziskus in Assisi von den Bewohnern beschimpft und ausgelacht. Nicht selten wurde er mit Speiseabfällen und anderen Gegenständen beworfen. Wenige andere beobachteten ihn mit unruhiger Bewunderung. Viele hielten ihn für einen Narren, einen Verrückten; dieses konnte aber nur bedeuten, dass sein Auftreten nicht immer und nicht ganz verstanden wurde. Seitdem er begann, öffentlich und mit Überzeugung vor versammelter Menschenmenge aufzutreten, änderte sich die Einstellung der Bevölkerung langsam und die ersten Gefährten wollten seinem Beispiel folgen. 

Der erste Gefährte war eine hochgestellte, reiche und mächtige Persönlichkeit aus Assisi: Bernardo (Bernhard) von Quintavalle. Dieser wandte sich an Franziskus und eröffnete ihm seine Absicht, sich ihm in Leben und Kleidung anzuschließen. Er bat ihn daher, nachts in sein Haus zu kommen, um darüber zu reden. Die beiden verstanden sich sofort und Franziskus nannte Bernardo noch an seinem Sterbebett "den Erstgeborenen". Er war sein erster und liebster Bruder; vor seiner großen Demut hatte Franziskus derart viel Ehrfurcht, dass er es sein Leben lang vermied, ständig mit Bernardo zusammenzukommen. Trafen sie sich doch, so hielt Franziskus diese Treffen sehr kurz.
 
 

Als dann der Herr mir Brüder gab,
war niemand, der mir zeigte, was ich tun solle,
sondern der Allerhöchste selbst offenbarte mir,
dass ich nach der Form des Evangeliums leben solle.
(Testament)









"Vater, wenn jemand die Güter eines Herrn lange Zeit besessen hätte und sie nicht länger mehr behalten wollte, was soll er dann am besten mit ihnen tun?" Er müsse sie alle seinem Herrn zurückgeben, von dem er sie erhalten, gab der Mann Gottes zur Antwort. Und Bernhard erwiderte ihm: "Von allen Dingen, die ich besitze, weiß ich, dass Gott sie mir gegeben hat. Ich stehe nun bereit, sie ihm auf deinen Rat hin zurückzugeben." "Wenn du dein Wort durch die Tat beweisen willst", sprach da der Heilige, "wollen wir in aller Frühe in die Kirche gehen, das Evangelienbuch zur Hand nehmen und uns von Christus Rat holen". Sie betraten also in der Morgenfrühe die Kirche, schickten voll Hingabe ein Gebet voraus und öffneten das Evangelienbuch, entschlossen, den Rat in die Tat umzusetzen, der ihnen zuerst begegne. Sie öffneten das Buch, und Christus tat darin seinen Rat also kund: "Wenn du vollkommen sein willst, geh und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen" (Mt. 19,21). Ein weiteres Mal schlugen sie es auf und stießen auf das Wort: "Nehmt nichts mit auf den Weg" (Lk 9,3). Sie taten es ein drittes Mal und fanden: "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst" (Mt 16,24). Ohne zu zögern erfüllte Bernhard das alles und wich auch nicht ein Joch von diesem Rat ab. (2 Cel 15)

Diese Regelung galt für alle; sie war das Wort Christi und daher für alle Nachfolger der Brudergemeinschaft allgemein verbindlich, ob für einfache oder gelehrte Leute wie zum Beispiel den Priestern. Franz und seine Gefährten folgten dem Beispiel Christi und der Apostel, sie verzichteten auf jeglichen Privat- und Gemeinschaftsbesitz. Sie vertraten die wahre Armut, die besonders für Franziskus total sein mußte, wie die Armut Jesu, denn dieser sagte, der Menschensohn habe nichts, wohin er sein Haupt lege, als er sich der göttlichen Vorsehung anheimgab, wie die Lilien auf dem Felde und die Vögel des Himmels. Kurze Zeit später schloß sich ein Dritter, Petrus Cattani, ein Priester aus einer angesehenen Familie Assisis der jungen Bruderschaft an.
Die drei hatten kein Obdach und suchten Unterschlupf in einer Hütte, nahe bei dem verlassenen Kirchlein Portiunkula. Von hier hatten sie zahlreiche Kontakte mit Assisi, das nicht ohne Staunen die Bekehrung von Bernhard und Petrus miterlebt hatte. Mit der Zeit schlossen sich insgesamt elf Brüder an: Bernhard, Petrus, Ägidius, Sabbatinus, Moricus, Johannes (de Capella), Philippus, Johannes de Sancto Constantio, Barbarus, Bernadus de Iuda und ein Ritter, Angelus Tancredi di Rieti. Gemeinsam zogen sie mit guter Laune durch Assisi und stimmten fröhlich ihre Lobgesänge an. Hier und da predigten sie vor den Bewohnern, indem sie zur Buße mahnten. Das Leben war für sie sicherlich nicht leicht. Wenn sie auch singend und fröhlich durch die Gassen zogen, und hierbei von einigen bewundert wurden, es gab doch mehr Menschen, die sie beleidigten und als Narren bezeichneten. Andere warfen ihnen Heuchelei vor und klagten sie an, sie hätten auf alles verzichtet, um auf Kosten anderer zu leben. Dennoch hinterließ ihr Auftreten überall Eindruck. Schon die Worte, mit denen sie andere begrüßten, "Der Herr gebe dir den Frieden", konnten erregte Gemüter besänftigen. 

Franziskus verließ nunmehr mit seinen Minderbrüdern seine Heimatstadt. Bis dahin standen sie unter der Obhut von Bischof Guido, der die Aktivitäten dieser Gemeinschaft mit Wohlgefallen sah. Zugleich mußte er keine Massenbewegung befürchten, da die Mehrheit Assisis die Bewegung mit negativen oder schmeichelhaften Augen sah. Die Lage änderte sich jedoch in dem Augenblick, als die Gemeinschaft loszog, um in anderen Städten und Gebieten zu predigen. Diese Art der Predigt ist nicht mit der heutigen eines Priesters zu vergleichen, sie war eher eine Ermahnung, für ein späteres Leben im Reiche Gottes Buße zu tun und sein Leben zu ändern. Dieses geschah durch einfache Worte, indem die Minderbrüder vom Werte ihrer Lossagung berichteten und öffentlich das Wort des Erlösers priesen. Diesbezüglich mußten sie allerdings an jedem Ort eine Genehmigung der Ortskirche einholen, doch nicht immer erhielten sie diese. 

Durch ihre Reisen jedoch, die teilweise bis zum 180 km entfernten Florenz führten, erhielt ihre Gemeinschaft einen größer werdenden Bekanntheitsgrad und Zuwachs.
Franziskus betrachtete diesen Zulauf mit Freude, bekam aber Angst, als sich die Zahl der Mitbrüder bald auf über 20 erhöhte. Wie sollte eine derartige Gemeinschaft mit einer sehr einfachen Lebensbeschreibung ernährt werden und wer sollte diese Gruppe führen. Hinzu kamen immer größer werdende Probleme, predigen zu dürfen.
 









Franziskus und Rom




Ich ließ es in wenigen, einfachen Worten niederschreiben,
und der Papst bestätigte es mir.
Die dann kamen, um unser Leben mit uns zu teilen,
gaben alles, was sie besaßen, den Armen;
sie waren zufrieden mit einem Habit, der außen
und innen geflickt war, sowie mit einem Strick
und Beinkleidern; und mehr wollten wir nicht haben.
Die von uns Kleriker waren, sprachen dieTagzeiten
wie andere Kleriker; die Laien beteten das Vaterunser.
Wir hielten uns gerne in Kirchen auf.
Wir waren einfältig und allen untertänig.
(Testament)








Er sah sich gezwungen, für die Gemeinschaft eine Regel zu verfassen und pilgerte im Jahre 1209/1210 mit seinen Gefährten nach Rom, um bei Papst Innozenz III. vorzusprechen, dieser galt als Reformpapst; er war die mächtigste Figur auf dem Stuhl Petri überhaupt, nie wieder hat ein Papst so schalten und walten können wie dieser. Als er starb, war das Gebiet des Kirchenstaates doppelt so groß als vorher. 

Thomas von Celano berichtet in seiner "Zweiten Lebensbeschreibung" (Vita II. 2 Cel 16 - 17) über diese Zusammenkunft zwischen Franziskus und Innozenz. Schenkt man diesem Bericht Glauben, so hatte der Papst in diesen Tagen im Traum die damalige Hauptkirche der Christenheit, die Lateranbasilika in Rom, dem Einsturz nahe gesehen:
 

Er (Innozenz III.) erinnerte sich an ein Gesicht, das er wenige Tage zuvor geschaut hatte, und der Heilige Geist gab ihm die Gewißheit ein, dass es sich an diesem Manne (nämlich Franziskus) erfüllen werde. Im Traum hatte er nämlich gesehen, wie die Lateranbasilika bereits dem Einsturz nahe war, ein Ordensmann aber, ein unscheinbarer und unansehnlicher Mann, sie mit seinem Rücken stützte und aufrechthielt, damit sie nicht zusammenstürze. "Wahrhaftig", rief er aus, "das ist jener Mann, der durch Tat und Lehre die Kirche Christi stützen wird." Darum zeigte sich jener Herr der Bitte des Heiligen so bereitwillig geneigt; deshalb war er, ganz Gott hingegeben, dem Diener Christi stets mit besonderer Liebe zugetan. So willfahrte er schnell den Wünschen und versprach bereitwillig, noch mehr Zugeständnisse zu machen. Daraufhin begann Franziskus, kraft der ihm verliehenen Vollmacht den Samen der Tugend auszustreuen, in Städten und Flecken umherzuziehen und mit Feuereifer zu predigen. (2 Cel 17) 

Dieser prophetische Traum Papst Innozenz III. wird ebenfalls dem heiligen Dominikus zugeschrieben, der zur selben Zeit lebte und auf Wunsch des Klerus den dominikanischen Predigerorden gründete. Man darf sich vorstellen, dass Franziskus mit zerissener und staubiger Kleidung vor den Papst trat. Ungepflegtes Haar, buschige schwarze Augenbrauen und ein langer Bart verliehen diesem für viele Menschen seltsamen Bruder ein eher wildes Aussehen, und es ist nicht auszuschließen, dass dem Papst ein strenger Geruch in die Nase fuhr. Nachdem Franz sein Anliegen vortrug, sagte der Papst: "Sicher findest du ein paar Schweine, die dich in ihren Stall aufnehmen. Ihnen magst du predigen, und vielleicht nehmen sie deine Regel an. Einem Schwein gleichst du jedenfalls eher als einem menschlichen Wesen."
Wie Franziskus es trotz dieser nicht eben erfolgreichen Vorsprache doch noch schaffte, eine Genehmigung des Papstes zu erhalten kann wie folgt rekonstruiert werden. Hiernach weilte Bischof Guido von Assisi dienstlich in Rom. Er brachte Franz mit einem Kardinal namens Giovanni Colonna zusammen. Der probierte es zunächst mit der üblichen Routine und riet Franziskus zum Eintritt in einen der bereits vorhanden Orden. Dieser aber wollte keineswegs in ein Kloster gehen, sondern er und seine Gefährten wollten wie Christus leben, ohne festen Wohnsitz und von der Hand in den Mund.
Der Kardinal wußte, dass die Kirche noch nie derartigen Bruderschaften und Vereinigungen ihren Segen gegeben hatte. Im Gegenteil: vagabundierende Mönche hatten sich längst als eine wahre Pest erwiesen, als diebisch und rohes Gesindel, jeder ordentlichen Arbeit abgeneigt und allen möglichen Lastern zugetan. Dazu kam, dass Leute wie Franziskus damals in Scharen umherzogen, mit wirren Gedanken im Kopf. In der päpstlichen Kurie häuften sich die Klagen der Bischöfe aus ganz Europa über die Untriebe von Laienpredigern, die den Gläubigen den Kopf verdrehten und mancherlei Unruhe stifteten, in diesen ohnehin aufgeregten Zeiten. Außerdem gab es die Ketzer, dieses katharische Übel, wie Kardinal Colonna sehr genau wußte.
Trotzdem hat sich dieser Kardinal für Franziskus verwendet. Den Ausschlag gab Franz' geradezu kindliche Haltung gegenüber den Priestern. Denn er stellte eine Verbindung von zwei Elementen dar, die dem päpstlichen Diplomaten bisher nicht bekannt war und dem Klerus allgemein vor langer Zeit scheinbar abhanden gekommen zu sein schien: unbedingte Treue gegenüber der römischen Kirche und radikalster Wille zur wörtlichen Befolgung des Evangeliums. Kardinal Colonna setzte sich bei Papst Innozenz für die kleine Gemeinschaft ein und verhalf ihr somit zur mündlichen Zustimmung des Lebensprogrammes und zur Genehmigung, predigen zu dürfen. Nach diesem Ereignis schnitt man den Gefährten noch eine Tonsur als Abzeichen der nunmehr "amtlich" gewordenen Bruderschaft.
 

Die Heimkehr nach Assisi war glücklich. Sie wohnten die erste Zeit in einer kleinen Hütte, die noch heute erhalten ist und Rivotorto genannt wird, das bedeutet soviel wie "der sich schlängelnde Bach". Von dort zogen sie aus, um zu arbeiten und zu predigen. Diese schlichte Unterkunft blieb den Brüdern jedoch nur für kurze Zeit erhalten... 

Er verwendete immer viel Mühe auf die heilige Einfalt und ließ die Weite des Herzens durch die Enge des Raumes (die Hütte "Rivotorto") nicht verengen. Deshalb schrieb er die Namen der Brüder auf die Balken der Hütte, damit jeder, wenn er beten oder ruhen wollte, seinen Platz kenne und der eng bemessene Raum die Stille des Geistes nicht störe. Während sie nun dort weilten, kam eines Tages ein Mann, der einen Esel vor sich herantrieb, zur Hütte, wo der Mann Gottes mit seinen Gefährten weilte. Um nicht zurückgewiesen zu werden, trieb er seinen Esel an hineinzugehen und sprach: "Marsch hinein! Wir werden diesem Ort eine Wohltat erweisen." Da der heilige Franziskus dies Wort hörte, wurde er betrübt; er erkannte nämlich, was dieser Mann dachte: der Bauer glaubte, die Brüder wollten hier bleiben, um den Platz zu vergrößern und Haus an Haus zu reihen. Sofort ging der heilige Franziskus aus der Hütte und verließ sie auf das Wort des Bauern hin und begab sich an einen anderen, nicht weit von jenem entfernten Ort, der Portiunkula heißt, wo er, wie oben gesagt, die Kirche S. Maria schon lange vorher wieder hergestellt hatte. Er wollte nichts zu eigen haben, um alles vollständiger in Gott besitzen zu können. (2 Cel 44) 

Der Unterschied zu anderen Ordensgemeinschaften, z.B. der Benediktiner und Zisterzienser, lag neben dem absoluten Armutsprinzip auch im Umgang mit dem täglichen Leben. Die bestehenden und bereits seit Jahren anerkannten Mönchsorden lebten rein kontemplativ, d.h. vornehmlich von der Welt zurückgezogen. Was aber die Armutsfrage anging, so bildeten diese Orden eine breite Differenz zwischen ihrem Leben und dem Evangelium. Ein Kloster besaß alles, was es zum Leben benötigte, und dieses innerhalb der eigenen Mauern. Eine direkte Verbindung zum Volk und eine konkrete Unterstützung der Hilfsbedürftigen blieben eher die Ausnahme. Daraus resultierte naturgemäß eine Abneigung der einfachen Menschen, des Volkes, gegenüber den Ordensgemeinschaften. Franziskus und seine Brüder hatten eine einzigartige Verbindung zwischen Kontemplation (dem zurückgezogenen Gebet) und gleichzeitiger Teilnahme am täglichen Leben der Gesellschaft. Man war ein Teil der Gesellschaft und strebte danach, sich um die Ausgestoßenen und Armen zu kümmern, desweiteren legte Franziskus hohen Wert auf die tägliche Arbeit.
 
 

Ich arbeitete mit meinen Händen und will es heute noch,
und ich verlange entschieden, dass alle anderen
Brüder Handarbeit verrichten, wie es sich ziemt.
Die es nicht können, sollen es lernen,
nicht um aus der Arbeit Gewinn zu ziehen,
sondern um des guten Beispiels willen und
um den Müßiggang zu vertreiben.
Wenn aber der Lohn für die Arbeit ausbliebe,
so laßt uns zur Tafel Gottes unsere Zuflucht nehmen,
indem wir uns an den Türen Almosen erbitten.
(Testament)








Die Wahl von Rivotorto und allen anderen Unterkünfte um Assisi waren keineswegs zufällig, sondern bewußt und beabsichtigt. Sie entsprachen den gewollten Erfordernissen. Zum einen benötigte die Gemeinschaft eine Unterkunft, in die sie sich zum Gebet zurückziehen konnte, zum anderen sollte die Behausung nah bei den Feldern liegen, wo tagsüber neben der Kranken- und Aussätzigenbetreuung gearbeitet wurde. Unterbrochen wurde die Arbeit von den Gebetszeiten. Die Kleriker beteten das Offizium und die Laien das übliche Vater Unser. Franziskus selbst betete das Offizium. Hierbei handelte es sich um das der römischen Kirche und erwähnt sei noch einmal, dass er lediglich über sehr einfache Kenntnisse in Latein verfügte. Was er zuweil nicht lesen, schreiben oder verstehen konnte, ließ er sich erklären, ließ es aufschreiben oder eignete es sich selbst an.
Auch wenn er bis zu seinem Tode die römische Kirche achtete und sie in keinster Weise kritisierte, so bestand ihr gegenüber doch sein ganzes Leben lang ein tiefes Mißtrauen. Dieses bezog sich ausschließlich auf die Praxis der Priester, mit Hilfe von Unterscheidungen und geschickter Allegorien die Texte der Heiligen Schrift zu interpretieren. Er selbst blieb immer der festen Überzeugung, dass diese Schrift in ihrem wörtlichen Sinn, in ihrer nächstliegenden und eigentlich ursprünglichen Bedeutung zu verstehen sei. 

Franziskus weilte gerade in Siena. Da kam zufällig ein Bruder aus dem Predigerorden (Dominikanerorden) dorthin, ein Mann des Geistes und Doktor der heiligen Theologie. Er besuchte auch den seligen Franziskus, und beide, der Gelehrte und der Heilige, unterhielten sich mitsammen lange in wonnesamem Zwiegespräch über die Worte des Herrn. Der genannte Magister (auch Doktor genannt war der höchste akademische Grad an den mittelalterlichen Universitäten) stellte ihm aber eine Frage über jenes Wort Ezechiels (Ez 3, 18-20; hier frei zusammengestellt): "Wenn du dem Gottlosen seine Gottlosigkeit nicht verkündest, will ich seine Seele von deiner Hand fordern." Er sagte nämlich: "Guter Vater, ich selbst kenne viele, von denen ich weiß, dass sie in einer Todsünde leben, und ich verkündige ihnen nicht immer ihre Gottlosigkeit. Sollten nun wirklich von meiner Hand die Seelen solcher Leute gefordert werden?" Als ihm der selige Franziskus antwortete, er sei selbst ungebildet und müsse deshalb mehr von ihm sich belehren lassen, als dass er über den Sinn der Schriftstelle eine Antwort gebe, fügte der Magister in seiner Demut bei: "Bruder, wenn ich auch schon von mancherlei Gelehrten eine Auslegung dieses Wortes gehört habe, so möchte ich doch gerne deine Ansicht darüber vernehmen." Darauf erklärte ihm der selige Franziskus: "Wenn das Wort ganz allgemein verstanden werden soll, fasse ich es so auf: Der Knecht Gottes muß durch sein heiligmäßiges Leben so sehr zu einer Flamme werden, dass er durch das Licht des guten Beispiels und durch die Sprache, die sein Lebenswandel spricht, alle Gottlosen im Gewissen trifft. So, meine ich, wird der Glanz seines Lebens und der Wohlduft seines guten Rufes allen ihre Sündhaftigkeit kundtun." Darob war der Gelehrte höchst erbaut. Als er sich verabschiedete, sagte er zu den Gefährten des seligen Franziskus: "Meine Brüder, die Theologie diese Mannes, auf Reinheit und Beschauung gestützt, ist ein fliegender Adler; unsere Wissenschaft aber kriecht auf dem Bauch über die Erde." (2 Cel 103)
 









Die heilige Klara

Im Jahre 1212 erhielt die Brudergemeinschaft einen unerwarteten und zugleich recht komplizierten Zulauf.Es handelte sich hierbei um die Hl. Klara von Assisi, die Gründerin des gleichnamigen Ordens. Im einzelnen soll hier nicht auf die Entwicklung dieser Gemeinschaft eingegangen werden, nur soviel, dass Klara sich seit Franziskus' Lossagung auf dem "Piazza San Rufino" immer mehr für die Bruderschaft interessierte und den Gründer und dessen Ideal über alles liebte. Als sie 1211/1212 um Aufnahme in die Bruderschaft bat, konnte Franziskus konnte sie nicht in die bestehende Gemeinschaft aufnehmen, er gründete jedoch mit ihr in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1212 in der Porziunkula die Gemeinschaft der "Armen Damen von San Damiano".
Klara hatte mindestens die gleichen Schwierigkeiten mit ihren Eltern wie Franziskus, daher wurde sie und ihre Mitschwestern die erste Zeit in einem nahegelegenen Benediktinerkloster untergebracht. Nach einiger Zeit zogen die "Armen Schwestern" dann in das mittlerweile hergerichtete "Kloster" von San Damiano. Hier blieb die junge Gemeinschaft bis zum Jahre 1260. Klara verstarb am 11. August 1253 und wurde in der Kirche San Giorgio beigesetzt. Ihr zu Ehren erbaute man nach ihrem Tod die "Basilica Santa Chiara", hierhin wurden im Jahre 1260 ihre sterblichen Reste übertragen. Unter dem Hauptaltar fand sie ihre vorerst letzte Ruhestätte. Heute kann man in einer im Jahre 1850 erbauten Krypta den rekonstruierten Körper Klaras, der die sterblichen Reste enthält, in einer Kristallurne betrachten. Hierher wurde auch das Kreuz von San Damiano gebracht, das in der "Cappella del Crocifisso" zu sehen ist. 

Im Herbst des Jahres 1212 brach Franziskus Richtung Palästina auf. Dieses war neben Frankreich sein beliebtestes Ziel gewesen. Er kam allerdings nur bis an die Küste Dalmatiens (heute Jugoslawien) und hatte dort, weil in diesem Jahr kein Schiff mehr nach Palästina fuhr, die Reise abbrechen müssen. Gekennzeichnet wurden die nächsten Jahre durch eine Fülle von Wanderungen durch Italien und Frankreich. In kleinen Gruppen oder auch zu zweit zogen die Minderbrüder in die verschiedensten Gegenden, um dort zur Buße zu mahnen. Um sich nach durchgeführten Reisen regelmäßig wiederzusehen, wurde 1213 das erste Pfingstkapitel durchgeführt. In diesen Jahren traf man sich noch regelmäßig zweimal jährlich, neben dem auch später beibehaltenen Pfingsttreffen gab es immer eine weitere Zusammenkunft im September. Bei diesen Treffen sprachen die Brüder über ihre Erfahrungen, Schwierigkeiten und freudigen Erlebnisse, die sie auf ihren Reisen gesammelt hatten. Man dankte gemeinsam in Gebeten Gott für das Wiedersehen und verbrachte die Tage mit Dankbarkeit. Bei all diesen Zusammenkünften war Franziskus immer der geistige Mittelpunkt, die Seele der Versammlung. Wer unter Ängsten, Bedrückung oder geistlichen Störungen litt, schüttete bei ihm sein Herz aus, vertraute sich ihm an und empfing Worte des Trostes, durch die er aufgeheitert wurde. Niemals war Franziskus hierbei Richter, sondern immer mitfühlender und trostspendender Vater unter seinen Söhnen, Arzt unter seinen Kranken. Doch konnte er, wenn es sein mußte, auch zu Strenge und Tadel greifen. 

In den folgenden Jahren erhielt die Gemeinschaft immer weiteren Zulauf. Desweiteren erhielt sie in dieser Zeit den Berg "La Verna" (ca. 80 km von Assisi entfernt) geschenkt. Hier haben die Brüder die Möglichkeit, in Einsamkeit und Stille sich einige Zeit lang dem Gebet hinzugeben. Auch Franziskus zog sich gerne und oft hierhin zurück. Die ersten Brüder wurden 1213 in die Länder jenseits der Alpen und nach Palästina entsandt. Die Ausbreitung des Ordens zählte bis zum Jahr 1219 ca. 4000 Minderbrüder. 

Italien wurde von den Brüdern in Provinzen eingeteilt. Dort lagen verstreut kleine Behausungen, Hütten und andere spärliche Unterkünfte aus Lehm und Stein in den Wäldern. Dort konnten die umherziehenden Brüder lagern, fanden ab und zu ein Stück Brot, das von einem Vorgänger liegengelassen wurde. Hier konnten sie für einige Zeit verweilen, trafen auch mal andere Mitbrüder und konnten Erfahrungen austauschen. 

Im Jahre 1219 realisierte er sein langersehntes Vorhaben und reiste mit Bruder Petrus Cattani nach Ägypten und Syrien. Und zwar in einer Zeit, in der das Morgenland eines der größten Dilemma seiner Geschichte erfuhr, es war die Zeit der Kreuzzüge; Franziskus schloß sich den Hilfstruppen des Papstes Hinorius III. an, der 1216 n. Chr. das schwere Erbe des am 11. Juli 1216 in Perugia verstorbenen Innozenz III. antrat. Während seiner Abwesenheit sollten ihn zwei Brüder in Italien vertreten. Matteo von Narni sollte bei der Portiunkula, also im Zentrum bleiben, um persönlich diejenigen zu prüfen, die in die Gemeinschaft neu aufgenommen werden wollten. Er war auch für andere organisatorische Dinge verantwortlich. Der andere Bruder, Gregor von Neapel, war eine Art Visitator und hatte die Aufgabe, die einzelnen Brüder in Italien zu besuchen und zu betreuen.

Die Brüder sollen darauf achten, dass sie die Kirchen,
die ärmlichen Wohnungen und alles andere,
was man für sie einrichtet, überhaupt nicht annehmen,
es sei denn alles der heiligen Armut entsprechend,
die wir in unserer Regel versprochen haben.
Im Namen des Gehorsams befehle ich nachdrücklich
allen Brüdern, sie seien wo immer, dass sie sich nicht
unterstehen, irgendein Privileg bei der römischen
Kirche zu erbitten, weder auf unmittelbarem Wege
noch durch Mittelspersonen, weder für eine Kirche
noch für einen anderen Ort, weder unter dem Vorwand
der Predigt noch um äußerer Verfolgung zu entgehen;
vielmehr, wo man sie nicht aufnimmt,
sollen sie in ein anderes Land fliehen,
um mit dem Segen Gottes die Wandlung
der Herzen herbeizuführen.
(Testament)








Was Franziskus im Heiligen Land tat, ist im einzelnen nicht ausführlich überliefert. Sicher ist, dass er, während sich die christlichen und moslemischen Truppen um die befestigte Stadt Damiette erbitterte Kämpfe lieferten, die kriegerischen Grenzlinien überschritt und ohne einen Geleitschutz den Herrscher Ägyptens, Sultan Melek-al-Kamil, traf. Franziskus wollte in seiner totalen, tiefen und entschlossenen Friedfertigkeit die Muselmanen bekehren, denn für ihn waren auch sie Brüder, denen "der wahre Weg des Heiles", das nur Jesus Christus geben kann, "gezeigt werden mußte". Und diese Bekehrung durfte für ihn kein Weg der Gewalt, des Krieges sein, für ihn gab es nur die friedliche Auseinandersetzung, die Überzeugung durch sein eigenes Handeln. Franz blieb mehr als ein Jahr fort und wurde dort von einem nachgereisten Laienbruder über eine Reihe von Störungen und Aufregungen in Italien informiert. 

Die beiden eingesetzten Vikare hatten während seiner Abwesenheit einige seiner Anweisungen geändert und somit die Gemeinschaft in große Verwirrung versetzt. U.a. wurde das Fastenprinzip verstärkt und den bisherigen Orden angeglichen. Für Franziskus bedeutete das Fastenprinzip, dass die Brüder am Mittwoch und Freitag fasten sollen, mit seiner Erlaubnis auch montags und samstags. Es durfte aber an allen Tagen Fleisch gegessen werden, wenn es den Brüdern als Almose angeboten wurde. - Dies alles entsprach vollkommen dem Geist und der Mentalität des Heiligen, denn hierdurch wurde dem Gebot des Evangeliums "Eßt, was man euch vorsetzt" (Lk 10,8) Ehre erwiesen. Die Vikare machten sich das Kapitel vom 29. September 1219 zunutze und setzten eine Reihe von Normen durch, die die Minderbrüder in das Fastensystem der anderen monastischen Orden einbinden sollten. Demnach sollten die Brüder an den gewöhnlichen Werktagen nur in dem Falle Fleisch essen, wenn ihn solches angeboten werde; auch sollte der Montag zu den beiden bisherigen Tagen hinzu als allgemeiner Fasttag gelten. 

Diese Normen widersprachen der Lebensweise, dem Grundgedanken der gegründeten Bruderschaft; jener Lebensweise des wirklich Armen, der nicht nach vorbestimmten Normen ißt, sondern das nimmt, was er finden kann und was man ihm anbietet. Desweiteren verursachten auch andere Brüder Probleme. Einer, Bruder Philipp, dem die besondere Sorge für die "Armen Damen von San Damiano" anvertraut wurde, erbat vom Papst ein Privilleg zum Schutz für Klara und ihre Schwestern: eine Drohung mit Exkommunikation gegen jeden, der sie belästigen sollte. Ein anderer, Bruder Giovanni von Capella, wiederum glaubte den Ideen des Franziskus besser gerecht werden zu können, in dem er eine große Schar Aussätziger beiderlei Geschlechts um sich scharte, um mit ihnen einen regelrechten "Unterorden" zu bilden, den er persönlich gründete und für den er beim Apostolischen Stuhl um Erlaubnis bat.
 

Franziskus kehrte Anfang 1220 mit den Brüdern Elias, Petrus Cattani, Caesar von Speyer und anderen nach Assisi zurück und die Initiativen wurden bald darauf zurückgenommen. Wahrscheinlich war ein einfacher Gedankenaustausch hierzu ausreichend. Aber Franziskus wurde mit der Zeit eines immer deutlicher: seine Bewegung verwandelte sich zwangsläufig in eine Institution. Er hatte schon einige Jahre zuvor bei Papst Honorius III. erreicht, dass ein Kardinal, Hugolin von Ostia, als Arm des Papstes die Gemeinschaft in Rom vertreten sollte. Er sollte Probleme bewältigen, denen Franziskus nicht gewachsen war. Es ging ihm aber auch um die Vitalität seiner Gemeinschaft. Sie sollte nicht in eine Sackgasse von ihm gegebener Normen enden, wie es schon in anderen Orden der Fall war. Er fühlte von nun an ein tiefes Unbehagen, denn er hatte sich von der Welt losgesagt, um zu den Außenseitern überzugehen, stattdessen fand er sich nun in einer Stellung mit Befehlsgewalt wieder, als Führer, als Persönlichkeit, die mit den Machthabenden dieser Welt verhandelte, von den Kardinälen bis zum Papst. Dieses war einer der kritischsten und sicherlich schwierigsten Augenblicke in seinem Leben, denn dieser schien einen tiefen und unlösbaren Widerspruch mit sich zu bringen. Er wollte Christus folgen, das Evangelium bis zur letzten Konsequenz nachleben. Mit seinen ersten Gefährten begann somit ein regelrechter Wettstreit der Beispielhaftigkeit, mit der Zeit jedoch wurde Franziskus zum Ideal vieler Mitbrüder und löste in ihren Augen Jesus Christus ab.
Das war ihm nun bewußt, das widersprach seiner Grundidee und seinem Lebensideal. Er wollte den Brüdern und der Welt zwar ein Beispiel sein, aber für ihn stand sowohl am Anfang wie auch am Ende immer nur der Gekreuzigte, Jesus Christus. Hier trat für Franziskus der deutliche Widerspruch zutage, zwischen dem, der ein Ideal bildet und lebt, und dem, der ihm folgt, aber auf eine Weise, die immer blasser wird, je ferner derjenige in Zeit und Erinnerung ist, der es verkörpert hatte. Es begann für ihn eine Zeit der unendlichen Qualen, der Angst, der Einsamkeit. Er mußte zu seinem ursprünglichen Ideal zurück und das wußte er in qualvoller Hellsichtigkeit.

 



Nicht mehr allein...
Die Bruderschaft Nur ein einfacher Bruder Weihnachten in Greccio Das Zeichen Christi